Orgelgeschichten aus dem Oldenburger Münsterland

in den »Heimatblättern«, Beilage zur Oldenburgischen Volkszeitung

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Ein besonderes Register im Pedal

Geschichte und Geschichten zur Orgel in der ev.-luth. St.-Christophorus-Kirche Vörden

von Dr. Gabriel Isenberg

 

Pfeifen des rekonstruierten Pedal-Registers Fagott 16' | Foto: Gabriel Isenberg, 2025
Pfeifen des rekonstruierten Pedal-Registers Fagott 16' | Foto: Gabriel Isenberg, 2025

Orgeln sind in höchstem Maße individuelle Instrumente. Abgesehen von wenigen Serienanfertigungen wird jede Orgel spezifisch auf den Kirchenraum und dessen akustische wie architektonische Gegebenheiten abgestimmt. Dennoch existieren gewisse „Standards“, auf die sich Organistinnen und Organisten beim Spiel auf einem fremden Instrument verlassen können. So findet sich beispielsweise in nahezu jeder Orgel mit Pedal das Register Subbass 16'. Es bildet das tiefe Klangfundament, erweist sich als vielseitig einsetzbar und eignet sich gleichermaßen für leise wie für kraftvolle Registrierungen.
Je stärker eine Orgel individuell geprägt ist, desto deutlicher tritt ihr unverwechselbarer Charakter hervor. Nicht die „Allerweltsinstrumente“ sind es, die Musik wirklich zum Leben erwecken, sondern jene Orgeln mit einem ausgeprägten „Charakter“, die – etwa durch besondere Klangfarben oder auch eine ungleichstufige Stimmung – der Musik eine eigene Färbung verleihen. In besonderer Weise gilt dies für historische Instrumente, die häufig nicht den heutigen Normen entsprechen und den Spielerinnen und Spielern ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen abverlangen. Umso reicher wird man jedoch mit ungewohnten und inspirierenden Klängen belohnt.
Zu diesen charaktervollen Orgeln zählt auch die kürzlich restaurierte und in ihren ursprünglichen Zustand zurückgeführte Orgel der evangelisch-lutherischen St.-Christophorus-Kirche in Vörden – der südlichsten Kirche des Oldenburger Landes.

 

Die alte St.-Christophorus-Kirche in Vörden nach einem Riss von Johann Kraft, 1661
Die alte St.-Christophorus-Kirche in Vörden nach einem Riss von Johann Kraft, 1661

Die Orgel in der alten Simultankirche
Obwohl die heutige Vördener Orgel bereits auf eine 173-jährige Geschichte zurückblickt, lässt sich auch über die Jahrhunderte davor einiges berichten.
Nach jahrelangen konfessionellen Auseinandersetzungen legte die „capitulatio perpetua“ von 1650 die Nutzung der seit Ende des 14. Jahrhunderts bestehenden St.-Christophorus-Kirche in Vörden durch beide Konfessionen fest. Zu diesem Zeitpunkt existierte bereits eine Orgel, die jedoch in einem Visitationsprotokoll von 1651 als „totaliter destructum“ – also völlig zerstört – beschrieben wird.
Auch die wenig später (1661) neu errichtete Kirche verfügte über ein Orgelwerk, denn 1670 weist eine Kirchenrechnung Ausgaben für den Kalkanten (den Bälgetreter) aus. Der Standort auf einer seitlichen Empore führte zu Beginn des 18. Jahrhunderts zu erneuten konfessionellen Streitigkeiten: Während die Evangelischen eine Umsetzung auf eine neue Empore oberhalb des Altars wünschten, beharrten die Katholiken auf dem alten Platz über der Sakristei – unter anderem mit dem Hinweis, dass durch die Aufstellung oberhalb des Altars sowohl der Zelebrant gestört als auch der Altar durch herabfallenden Staub verunreinigt werden könne.
Kleinere Reparaturen sind für das Jahr 1770 durch einen namentlich unbekannten Orgelbauer und um 1823 durch Ferdinand Holthaus (Osnabrück) belegt. Einen umfassenderen Umbau nahm schließlich 1829–31 der Herforder Orgelbauer Johann Heinrich Brinkmann bzw. sein Mitarbeiter Heinrich Friedrich Ludwig Ohe vor. Dabei wurde das Instrument innerhalb der Kirche versetzt und erhielt ein neues Gehäuse sowie neue Trakturen. Mit dem Ergebnis waren die Auftraggeber allerdings nicht gänzlich zufrieden. Lange sollte das Werk ohnehin nicht bestehen: Beim verheerenden Dorfbrand am 13. November 1842 fiel die Orgel gemeinsam mit der Kirche den Flammen zum Opfer.

 

Firmen-Inschrift in der Hauptwerks-Windlade / C-Seite | Foto: Gabriel Isenberg, 2025
Firmen-Inschrift in der Hauptwerks-Windlade / C-Seite | Foto: Gabriel Isenberg, 2025

Die neue Orgel von den Gebr. Haupt
Unmittelbar nach dem großen Dorfbrand begannen die Wiederaufbauarbeiten an der Kirche, die 1851 abgeschlossen waren. Die heutige Kirche entstand auf den erhalten gebliebenen Außenmauern und unter Einbeziehung des Westturms von 1661 als schlichter Saalbau. Mit dem Bau der neuen Orgel wurden die Gebrüder Friedrich Wilhelm und Carl Friedrich Haupt aus Ostercappeln betraut. Wenige Jahre zuvor – zwischen 1827 und 1838 – hatten sie ihre Werkstatt in Damme betrieben und waren somit im südlichen Bereich des heutigen Oldenburger Münsterlandes bestens vernetzt.
Die neue Orgel in Vörden war 1852 fertiggestellt. Sie verfügte über 14 Register auf zwei Manualen und Pedal, besaß mechanische Schleifladen und hatte 1110 Reichstaler gekostet. Besonders in der Disposition des zweiten Manuals, das nur mit sanften Stimmen in 8'- und 4'-Lage besetzt war, spiegelte sich bereits der Wandel des Klangideals hin zu einem zunehmend „romantischen“, grundtönigen Klangbild wider. Eine Besonderheit stellte die Besetzung des Pedals dar: mit durchschlagendem Fagott 16' und Doppelflöte 8' (ohne labialen 16-Fuß, also ohne den sonst üblichen Subbass 16'). Diese Lösung hatte Haupt in Vörden erstmals gebaut, fand jedoch später unter dem Registernamen „Suona della molla“ auch Eingang in weitere seiner Instrumente und darf somit als besonderes „Charakteristikum“ der Orgeln aus der Werkstatt der Gebr. Haupt in dieser Zeit gelten.
Im Laufe der Zeit blieb die Orgel nicht von Veränderungen verschont. 1903 führte Johann Martin Schmid („Schmid III“) aus Oldenburg Reparaturen durch und übernahm in den folgenden Jahren auch die laufende Pflege. Im Sommer 1917 mussten die Prospektpfeifen für die Rüstungsindustrie des Ersten Weltkriegs abgegeben werden; 1923 ersetzte man sie durch Zinkpfeifen. Als in der Nacht vom 3. auf den 4. November 1923 der Kirchturm brannte, nahm auch die Balganlage Schaden. Noch im selben Monat wurde sie durch Ludwig Rohlfing aus Natbergen – die Nachfolgefirma von Schmid – instandgesetzt, der in der Folge auch die regelmäßige Wartung des Instruments übernahm.
 

Die Orgel im Zustand nach dem Umbau durch Hans Wolf (Foto von 1974) | Bildquelle: https://kirchengemeindelexikon.de/einzelgemeinde/voerden
Die Orgel im Zustand nach dem Umbau durch Hans Wolf (Foto von 1974) | Bildquelle: https://kirchengemeindelexikon.de/einzelgemeinde/voerden

Umbau 1958: Verlust der klanglichen und technischen Besonderheiten
Trotz regelmäßiger Pflege verschlechterte sich der Zustand der Orgel ab den 1940er-Jahren zunehmend, u. a. durch einen Bombensplitter, der bei einem Luftangriff 1945 das Kirchendach genau über der Orgel durchschlug, sodass dringender Handlungsbedarf bestand. 1958 erhielt schließlich Hans Wolf (Verden) den Auftrag zur Erneuerung des Instruments.
Seine Eingriffe in die historische Substanz erwiesen sich jedoch als nicht besonders glücklich. So wurde die noch voll funktionsfähige Balganlage mit ihren drei Keilbälgen nur deshalb entfernt, um einen zusätzlichen Zugang zum Kirchturm zu schaffen. Die Windladen des Hauptwerks drehte man um 90° und stellte sie parallel zur Gehäusefront auf – ein Eingriff, der eine vollständige Erneuerung der Spielmechanik nach sich zog. Durch die Neuverlegung der Windkanäle war zudem keine stabile Windversorgung mehr gewährleistet.
Auch klanglich griff Wolf tief in die Gestalt des Instruments ein, ohne die charakteristischen Eigenheiten zu bewahren. Stattdessen überformte er die Orgel mit dem in den Nachkriegsjahren verbreiteten „neobarocken“ Klangideal. Zuspitzend ließe sich sagen: Die Orgel wurde in ein „Allerweltsinstrument“ verwandelt. So beließ man es nicht bei den typisch frühromantischen Grundstimmen, sondern „hellte“ die Disposition mit hohen Registern auf. Besonders gravierend war die Abkehr von der charakteristischen Pedaldisposition mit dem durchschlagenden Fagott 16', das einem „normalen“ Subbass 16' weichen musste. Darüber hinaus setzte Wolf die Prospektpfeifen des Principal 4' (II. Manual) in den drei Mittelfeldern durch Entfernen der Kondukten außer Funktion.
Schon bald zeigte sich, dass diese Maßnahmen keine dauerhafte Verbesserung bewirkten. Nach der Kirchenrenovierung von 1975 führte Johannes Wolfram (Natbergen) zwar eine Reinigung durch, doch auch dadurch konnten die grundlegenden Probleme nicht behoben werden. 1977 wurde ein neuer Wartungsvertrag mit der Orgelbaufirma Alfred Führer (Wilhelmshaven) abgeschlossen.
 

Die ev.-luth. St.-Christophorus-Kirche mit der restaurierten Gebr.-Haupt-Orgel | Foto: Gabriel Isenberg, 2025
Die ev.-luth. St.-Christophorus-Kirche mit der restaurierten Gebr.-Haupt-Orgel | Foto: Gabriel Isenberg, 2025

Die erste Restaurierung 1987
Kurz bevor die Orgel Anfang 1986 vollständig versagte, gelang es der Gemeinde nach längeren Verhandlungen, die Orgelbauwerkstatt Kreienbrink (Osnabrück) mit einer Restaurierung zu beauftragen. Ziel der Maßnahmen war eine Annäherung an den technischen und klanglichen Ursprungszustand – wenn auch die Vorstellungen der Beteiligten über den Umgang mit dem historischen Bestand nicht immer übereinstimmten. Und so blieb auch eine konsequente Rückkehr zum ursprünglichen Klangcharakter aus: Die Disposition des II. Manuals wurde unverändert belassen, im Pedal hingegen ein neuer Subbass gebaut, während der bisherige Subbass zur Doppelflöte 8' umgearbeitet wurde. Auch die innere Aufteilung des Werks blieb bestehen.
Äußerlich erhielt das Instrument durch eine neue Farbfassung des restaurierten Gehäuses ein verändertes Erscheinungsbild; zudem wurden die Prospektpfeifen erneuert. Am 9. August 1987 konnte die restaurierte Orgel feierlich eingeweiht werden. Die Gesamtkosten beliefen sich auf rund 220.000 DM.
Zwar näherte sich die Orgel durch diese Maßnahmen ihrem ursprünglichen Charakter wieder ein wenig an – dennoch blieb auf Dauer der Eindruck eines technisch wie klanglich nicht ganz stimmigen Gesamtbilds. Erschwerend kam hinzu, dass in den folgenden Jahren die Trockenheit während der Heizperioden der Substanz zusetzte. Ab der Jahrtausendwende traten zudem wiederholt Probleme mit Schimmelbefall auf.

 

Die Gebr.-Haupt-Orgel in der ev.-luth. St.-Christophorus-Kirche nach der Wiederherstellung | Foto: Gabriel Isenberg, 2025
Die Gebr.-Haupt-Orgel in der ev.-luth. St.-Christophorus-Kirche nach der Wiederherstellung | Foto: Gabriel Isenberg, 2025

Rückführung auf die ursprüngliche Gestalt: die jüngste Restaurierung durch Orgelbau Eule
Bereits 2003 hatte der Orgelbauer Martin ter Haseborg (Uplengen) eine Reinigung und Schimmelbehandlung vorgenommen. Auf lange Sicht erwiesen sich diese Maßnahmen jedoch als nicht nachhaltig, sodass nach erneut starkem Schimmelbefall 2017 der Entschluss gefasst wurde, die Orgel einer umfassenden Restaurierung zu unterziehen – und in diesem Zuge sollten nun auch der ursprüngliche Zustand von 1852 endlich wiederhergestellt und Konstruktions- und Baufehler früherer Eingriffe endgültig korrigiert werden.
Nach intensiver Planung konnte dazu im September 2020 der Vertrag mit der Orgelbaufirma Eule (Bautzen) geschlossen werden. Dank der Unterstützung aus dem Denkmalschutz-Sonderprogramm der Bundesregierung sowie weiterer Fördermittel war es möglich, die Restaurierung im vollen Umfang zu realisieren. Die durchgeführten Maßnahmen umfassten unter anderem:
▪ Anfertigung neuer Klaviaturen nach dem historischen Vorbild der Haupt-Orgel in Venne (1847)
▪ Neubau der Spieltraktur und Registertraktur mit Einbindung historischer Anteile in historisierender Bauart
▪ Überholung der Windladen
▪ Bau einer neuen Keilbalganlage (im Turmraum) mit Kalkanten-, Gebläse- und automatischer Balgaufzugsanlage
▪ Zurückversetzung aller Hauptwerks-Pfeifen um ½ Ton (inkl. Anlängung)
▪ Neue Mixtur im Hauptwerk
▪ Rückführung der Disposition des II. Manuals auf den Zustand von 1852
▪ Rückführung der Pedal-Disposition auf den Zustand von 1852, mit Neubau des durchschlagenden Fagott 16'
▪ Neuintonation, Stimmung auf 440 Hz, Winddruck 63 mmWS
Nach einigen Verzögerungen konnte am 10. Dezember 2023 schließlich die Wiedereinweihung der Orgel gefeiert werden. Die Kreiskantoren Eva Gronemann (Bramsche) und Martin Ehlbeck (Hannover) stellten dabei das Instrument klanglich vor, während der Orgelsachverständige Hartwig Brockes, der die Restaurierung fachlich intensiv begleitet hatte, die Besonderheiten der Haupt-Orgel erläuterte:
Der klassische Prinzipalchor wird von füllig-weichen Flötenstimmen ergänzt, das Positiv von einer sanft streichenden Gamba geprägt, während die neue Mixtur edlen Glanz verleiht. Herausragend sind die beiden Zungenstimmen: Vor allem das durchschlagende Fagott 16' – das herausragende Klangcharakteristikum der Vördener Orgel – überzeugt durch seinen warmen, sonoren Ton, der sich äußerst vielseitig einsetzen lässt und den sonst üblichen labialen Subbass nicht vermissen lässt.

Eine Orgel mit „Charakter“
Mit dieser Restaurierung hat die Vördener Gebr.-Haupt-Orgel von 1852 ihren ursprünglichen „Charakter“ zurückgewonnen. Als eines der ganz wenigen historischen Instrumente im Kreis Vechta zählt diese Orgel zu den bedeutendsten Kulturdenkmälern der Region. Wer an ihr spielt – sei es der seit 1997 tätige Organist Heinrich Schrader in den Gottesdiensten, oder seien es die Gastorganisten in Konzerten und bei anderen Gelegenheiten – muss sich auf die besonderen Eigenarten dieses „charaktervollen“ Instruments einlassen, wird jedoch mit einem einzigartigen Spielerlebnis und unverwechselbaren Klangfarben belohnt.


Hier finden Sie einen detaillierten geschichtlichen Überblick mit Dispositions- und Quellenangaben:

(zum Vergrößern auf das jeweilige Bild klicken)

Hörbeispiel: